Der Autor des Buches, ein in Cambridge lehrender Sozialanthropologe, lebte jahrelang in Südafrika und kam dort in Berührung mit einem der indigenen Völker, die bis vor kurzem ihre jahrtausendealte traditionelle Lebensweise beibehalten konnten. Der geringe zeitliche Aufwand dieses Stammes für die Heranschaffung der täglichen Nahrung und das unterschiedliche Verständnis von Arbeit dürften den Autor zur Verfassung dieses Buches angeregt haben. Er beschreibt die Geschichte der Arbeit über die Jahrtausende und fragt sich, warum in der heutigen Zeit, wo die Befriedigung der primären Lebensbedürfnisse mit wenig Aufwand möglich wäre, die Menschen trotzdem so viel und so lange arbeiten.
Das Thema lässt denken an die Erzählung von Heinrich Böll: Ein Urlauber weckt einen im Hafen schlafenden Fischer und fragt ihn, warum er nicht nach dem heutigen guten Fang ein weiteres Mal hinausfährt. Er könnte so finanziell aufsteigen, ein größeres Boot kaufen, eventuell ein Fischfangunternehmen gründen und schließlich soviel Geld verdient haben, dass er sich zur Ruhe setzen und sich im Hafen in die Sonne legen könnte. Der Fischer antwortet, dafür seien keine weiteren Anstrengungen erforderlich, das täte er bereits jetzt.
Die traditionelle Lebensweise der Ju´hoansi, über die nur mehr die Alten des Stammes eine Erinnerung haben und darüber erzählen können, enthält für den Autor einige bemerkenswerte Punkte:
Entgegen der klassischen Geschichtsschreibung, die die Existenz der Jäger und Sammler als einen ewigen Kampf um das Überleben darstellt, genügen den Ju´hoansi fünfzehn Stunden wöchentlicher Arbeitszeit für die Deckung ihrer Lebensbedürfnisse.
Die Ju´hoansi besitzen ein Urvertrauen in die Natur, sie sind zutiefst überzeugt, dass die Natur jederzeit alles zur Deckung ihrer Bedürfnisse zur Verfügung stellt. Somit besteht keinerlei Notwendigkeit für irgendeine Art von Vorratswirtschaft oder Akkumulation von Dingen.
Gleichberechtigung, Egalität stellt für die Ju´hoansi einen außerordentlich hohen Wert dar. Es werden Maßnahmen ergriffen, dass keines der Stammesmitglieder auf Grund individueller Fähigkeiten eine herausragende Stellung im Stamm einnimmt.
Ab etwa 10.000 BC begannen im Zweistromland Menschen, die bisher Wildgetreide gesammelt hatten, dieses anzubauen und übernahmen dazu eine sesshafte Lebensweise. Für diese Transformation zu einer landwirtschaftlichen Produktionsweise prägte der Historiker Gordon Childe den Begriff „Neolithische Revolution“. Verbunden damit war ein tiefgreifender Wandel im Verständnis der Natur. Während die Jäger und Sammler im Einklang mit der Natur lebten, sich nur nahmen, was sie für den Tag benötigten, war die Natur nun ein mit harter Arbeit verbundenes Objekt, das erst nachträglich die Bauern mit einer ertragreichen Ernte für ihre Mühe zu belohnen versprach. Die Menschen konnten sich nicht mehr auf die Gunst und Freigiebigkeit der Natur verlassen, ihr Dasein verlor die ursprüngliche Sicherheit, Naturphänomene wie Trockenheit, Überschwemmungen, Schädlinge konnten jederzeit die Früchte ihrer Arbeit vernichten. Die erhöhte Produktivität bebauten Landes wurde rasch durch den Bevölkerungszuwachs konterkariert und zwang die Bauern stets mehr landwirtschaftliche Flächen zu bebauen. Die Bibel beschreibt die neue Situation anschaulich mit „im Schweiße deines Angesichts sollst Du dein Brot essen“
Aus dieser Zeit stammt die Erzählung, es sei nicht genug für alle da, die knappen Ressourcen müssten optimal verwaltet werden, heute als „Knappheitsparadox“ die Basis der klassischen Volkswirtschaftslehre.
Der Autor unternimmt nun einen Gang durch die Jahrhunderte, streift kurz die griechische und römische Antike, eine Zeit, in der Erwerbsarbeit für einen freien Bürgers zunehmend als minderwertig angesehen wurde. Der ideale Alltag der Oberschicht sollte von Muße, Politik und Philosophie geprägt sein, während die ökonomischen Grundlagen des Gemeinwesens von Sklaven erarbeitet wurden.
Im Mittelalter folgte die Arbeitszeit den Jahreszeiten. In den Sommermonaten wurde von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang gearbeitet, im Winter sank die Arbeitszeit drastisch. Es gab jedoch bis zu 100 Sonn- und Feiertage im Jahr, deshalb könnte die Jahresarbeitszeit in der Landwirtschaft geringer gewesen sein als die Arbeitszeit in den Fabriken Anfang des 19. Jahrhunderts. Noch arbeitete man so viel wie nötig und nicht so viel wie möglich.
Mit der Erfindung der Dampfmaschine und dem Aufkommen von Fabriken im 19.Jh. veränderte sich die Arbeit radikal. Der maschinelle Takt ersetzte den natürlichen Rhythmus. Künstliches Licht machte Schichtarbeit und Nachtarbeit rund um die Uhr möglich. Die Arbeitszeiten betrugen zwischen 12 und 16 Stunden. Im späten 19. Und frühen 20.Jh. erzwangen Arbeiterbewegungen fundamentale Reformen. Das Leitbild war 8-8-8, 8 Std. Arbeit, 8 Std. Schlaf, 8 Std. Freizeit.
Seit dem Beginn der industriellen Revolution gab es Denker, die die Utopie einer Welt entwickelten, in der auf Grund des technischen Fortschrittes die unangenehme Arbeit von Maschinen übernommen würde. Einer der bedeutendste Wirtschaftswissenschafter des 20. Jahrhunderts, John Maynard Keynes, glaubte noch 1930, dass wir mit der Automatisierung und dem Produktivitätsfortschritt mit Beginn des 21. Jahrhunderts im „gelobten Land“ der „wirtschaftlichen Glückseligkeit“ ankommen würden, in dem die Grundbedürfnisse der Menschen soweit gestillt seien, dass die Menschen nur mehr fünfzehn Stunden pro Woche arbeiten müssten. Für Keynes war die Arbeitszeitverringerung ein Mittel um Zeit zu finden für Aktivitäten wie künstlerische Tätigkeit, menschliche Begegnungen, Muße, Kontakt mit der Natur, Meditation. Wie wir wissen, ist es anders gekommen.
In den 50er-Jahren sinnierte der Ökonom John Kenneth Galbraith in seinem bekannten Werk „Die Überflussgesellschaft“ über den unheilvollen Einfluss der Werbung mit ihren Anreizen zur Konsumation immer weiterer industrieller Produkte. Das Shopping ist zur primären Freizeitaktivität in den Vereinigten Staaten geworden. Die Amerikaner arbeiten immer härter und länger, um sich die Produkte und Dienstleistungen leisten zu können, deren angebliche Notwendigkeit das Fernsehen und die Werbeindustrie suggerieren. Unsere Grundbedürfnisse sind längst erfüllt. Ohne das uferlose Anspruchsdenken könnten wir – wie im Gleichnis vom Fischer – uns der Muße hingeben. Frei nach Augustinus: Unsere Strafe für die Ursünde war die Unermesslichkeit unserer neuen Begierden.
Suzmans Buch enthält keine Handlungsempfehlungen, es schließt mit „Wenn wir erkennen, dass viele der Prämissen, die das Fundament unserer wirtschaftlichen Institutionen bilden, von der landwirtschaftlichen Revolution geschaffene […] Artefakte sind, kann dies unserem Denken Türen und Ausblicke auf eine ganze Palette neuer, nachhaltiger denkbarer Zukünfte für die Menschheit öffnen […]“.
Fazit:
Das Problem des Buches ist ein gedanklicher Fehler im Verständnis von Naturgesetzen. Suzman versucht alle Lebensvorgänge durch das zwanghafte Wirken einer physikalischen Größe (Entropie) zu erklären. Er missversteht, dass Naturgesetze nicht vorschreibend (normativ), sondern beschreibend sind. Somit geht Suzmann von der irrigen Vorstellung aus, dass die Gesetze, in dem Fall der Thermodynamik, nicht nur den Rahmen, in dem Leben möglich ist, sondern auch das Ziel des Lebens bestimmen. Diese rein mechanistische Sichtweise der Arbeit lässt auch keinen Raum für die befriedigenden Seiten der Arbeit, Arbeit liefert Identität, Lebensinhalt, Selbstverwirklichung.
So interessant Suzmans Beobachtungen bei den Ju’hoansi sind, zeigt uns Graeber, dass es in der fernen Vergangenheit eine Vielzahl von unterschiedlichen sozioökonomischen Systemen gegeben hat, von denen die Gesellschaft der Ju´hoansi nur eine Variante ist. Das Neue und Wesentliche an Graebers Ausführungen ist jedoch, dass die ursprünglichen Gesellschaften je nach den äußeren Bedingungen ihre wirtschaftliche/politische Lebensweise frei wählten, z.B. konnten sie vom Jäger/Sammler-Dasein wie oben beschrieben zur Landwirtschaft wechseln aber auch den Prozess umkehren und wieder zurück zum ein Jäger/Sammler-Dasein gehen.
Nicht behandelt wird im Buch eine für die wirtschaftliche Entwicklung der Neuzeit wichtige Veränderung in der Sicht der Arbeit. Deren religiöse Überhöhung im Protestantismus insbesondere calvinistischer Prägung, die Konnotation von wirtschaftlichem Erfolg und Gottesgläubigkeit, war ein wesentliches Element der Entstehung des Kapitalismus.
Mit Berücksichtigung der genannten Einschränkungen kann das Buch durchaus empfohlen werden, es ist ein kurzweiliger Streifzug durch die Jahrtausende und behandelt in verständlicher Weise wirtschaftliche wie philosophische Theorien.
James Suzman: Sie nannten es Arbeit, Eine andere Geschichte der Menschheit, H.C. Beck 2021
Zur Rezension wurde folgende Bücher/Artikel herangezogen:
Richard Gault: Work: A deep history, from the stone age to the age of robots by James Suzman
https://besharamagazine.org/finance-global-affairs/work-deep-history-james-suzman/
David Graeber, David Wengrow: Anfänge, eine neue Geschichte der Menschheit, Klett-Cotta, Stuttgart 2022
Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit, Deutsche Verlagsanstalt München 2013
Jochen Hirschle: Religiöser Wandel in der Konsumgesellschaft, Soziale Welt 63 (2012), 141 – 162
Tim Kerig: Der Faktor Arbeit im Neolithikum, Steinbearbeitung, Feldbestellung, Schwertransport, in Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hrsg.), Jungsteinzeit im Umbruch. Die „Michelsberger Kultur“ und Mitteleuropa vor 6000 Jahren. Karlsruhe: Landesmuseum 2010, 236-242
K. Michaelian: Thermodynamic dissipation theory for the origin of life, Earth Syst. Dynam., 2, 37–51, 2011
Judith Proinger: Arbeitszeit und Nachhaltige Entwicklung in Europa: Ausgleich von Produktivitätsgewinn in Zeit statt Geld?. Social Ecology Working Paper 77. IFF – Faculty for Interdisciplinary Studies Vienna 2005
Gregor Ritschel: Freie Zeit: Eine politische Idee von der Antike bis zur Digitalisierung. (X-Texte zu Kultur und Gesellschaft). Bielefeld: transcript Verlag 2021
Juliet Schor: Sustainable Consumption and Worktime Reduction, Working Paper, No. 0406, Johannes Kepler University of Linz, Department of Economics, Linz 2004
Erwin Schrödinger: What is life? The Physical Aspect of the Living Cell, Cambridge University Press 1967
Peter Schuster: Boltzmann and Evolution: Some Basic Questions of Biology seen with Atomistic Glasses: in Giovanni Gallavotti, Wolfgang L. Reiter, Jakob Yngvason: Boltzmann’s Legacy, European Mathematical Society 2008
Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus in: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Tübingen, Verlag J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1922
