Ein Bericht von Hartmut Rüf
Bis in die Neuzeit war die leichteste Möglichkeit Menschen und Güter zu transportieren den Weg über Flüsse und Seen zu nehmen. Die große Anzahl an Pfahlbauten am Attersee lässt zu ihrer Zeit somit auch einen entsprechenden Umfang an Bootsverkehr erwarten. Umso mehr erstaunt es, dass während der Jahrhunderte Fischerei am See und den bereits Jahrzehnte laufenden archäologischen Untersuchungen bisher kein einziger Einbaum am Attersee aufgefunden wurde. Der Befund führt zur Überlegung, dass möglicherweise der Transport am See auf eine andere Weise stattgefunden haben könnte. Beispiele aus der ganzen Welt zeigen, dass neben Flössen Fellboote dafür in Frage kommen.
Fellboote als vielleicht erste Wasserfahrzeuge nehmen in der archäologischen Literatur nur einen geringen Raum ein, da sie im Gegensatz zu z.B. Einbäumen archäologisch nicht nachweisbar sind. Fellboote sind Bootskonstruktionen, bei denen ein aus Korbgeflecht, Zweigen oder Holz bestehender Rahmen mit Tierhäuten bespannt wird, wobei die Abdichtung mit Tierfett/Teer erfolgt. Die Form ist rund bis meistens oval, später wurden auch Kanu-artige Konstruktionen gebräuchlich. Die Boote haben einen flachen Boden und verfügen über keinen Kiel, dies erfordert eine spezielle Rudertechnik zur Fortbewegung.
Es ist nicht erstaunlich, dass die Faktenlage zu prähistorischen Fellbooten dünn ist, vom dünnen Gestänge eines Fellbootes, geschweige der Tierhaut sind selbst unter günstigen Erhaltungsbedingungen keine Überreste zu erwarten
Ein Bruchstück eines Paddels aus dem Moor Duvensee in Schleswig-Holstein gilt als Hinweis auf frühe Mobilität. Die Datierung dieses Paddels führt mit einem Alter von 8500 v.Chr. weit in die Steinzeit, weiter als der älteste bekannte Einbaumfund in Europa (der Einbaum von Pesse in den Niederlanden, 2 Datierungen 7000/8000 v.Chr.).
Bei den zahlreichen in Skandinavien gefundenen Felszeichnungen von Booten aus der Mittelsteinzeit ist sich die Fachwelt uneinig, welcher Bootstyp dargestellt ist. Es gibt jedenfalls starke Argumente dafür, dass es sich um Fellboote zur Rentierjagd gehandelt hat.
Die vorhandenen Beispiele stellen zwar keinen letzten Beweis für die vorgeschichtliche Nutzung von Fellbooten dar, lassen dies jedoch als sehr wahrscheinlich erscheinen.
Der Vorteil eines Fellbootes gegenüber einem Einbaum liegt vor allem im Gewicht. Bei einem Gewicht von 20 bis 30 kg lässt sich das Boot auch übers Land transportieren, wodurch sich z.B für eiszeitliche Jäger die Möglichkeit für einfache Flussüberquerungen eröffnet.
Bis in das letzte Jahrhundert bzw. heute noch wurden/werden Fellboote bzw. Boote nach demselben Konstruktionsprinzip auf der ganzen Welt verwendet. Ein Beispiel ist der „Umiak“, das mit Seehundfellen bespannte 5 – 10 m lange traditionelle Transportboot der Inuit mit einem Rahmen aus ursprünglich Walknochen. Die Boote konnten bis zu 20 Menschen Platz bieten und auf den Kopf gestellt als provisorisches Schlafzelt genutzt werden.
In Irland werden bis zum heutigen Tag als „Currach“ bekannte Boote gebaut, der ursprünglich aus Weidenzweigen bestehende Korb wurde durch einen Holzrahmen ersetzt, die Tierhäute durch mit Teer imprägniertes Segeltuch. Die Currachs sind seetüchtig, der englische Historiker und Abenteurer Timothy Severin erreichte in einer der mythischen Reise des Hl. Brendan in das verheißene Land im Westen nachempfundenen Fahrt mit einem Currach unter Segeln Amerika und zeigte damit die prinzipielle Erreichbarkeit des Kontinents mit den Mitteln der Kelten.
Nun zu einem Bootstyp, den man unter Fellboote einordnen könnte:
Vor etwa 10 Jahren ging eine Schlagzeile durch die Medien: Die Arche Noah war rund! Hintergrund war der Fund einer 4000 Jahre alten Keilschrifttafel enthaltend Anweisungen eines mesopotamischen Gottes ein Schiff zu bauen, wo alle Tiere paarweise vor einer Überschwemmungskatastrophe Schutz finden sollten. Das beschriebene Schiff darf man sich nicht wie ein Holzboot in der abendländischen Tradition vorstellen, sondern nach dem Text der Keilschrifttafel als eine korbförmige Konstruktion, die mit Seilen umwickelt und dann mit Bitumen getränkt wurde.
Die Erzählung des Alten Testaments von Noah und der Sintflut findet somit ihre Vorbilder im mesopotamischen Gilgamesch-Epos und in weiteren noch älteren Schriften.
Verwendete Literatur:
Ernst und Werner Feist: Rekonstruktion steinzeitlicher Boote in Skandinavien Jahresmitteilungen der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg e.V. 1993, S. 21-32
Peter Fletcher: Discussions On The Possible Origin Of Europe’s First Boats – 11,500 BP AAPP | Atti della Accademia Peloritana dei Pericolanti, Vol. 93, No. 2, A1 (2015)
Wulf Hein: Fellboot, Floß und Einbaum, Wasserfahrzeuge der Urgeschichte im Experiment, Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien (MAGW), Band 142, 2012, S. 121-136
James McClean: Skin versus Wood? Probably both! Norwegian Early Mesolithic Boat Technology, Bericht zur 13. Jahrestagung des Arbeitskreises Unterwasserarchäologie vom 6.10.–8.10.2005 in Annecy, NAU 14, 2008 S.9-14
Stephen Moss: Noah’s ark was round – so the ancient tablet tells us, https://www.theguardian.com/books/2014/feb/11/noahs-ark-round-ancient-british-museum-mesopotamian-clay-tablets-flood
Ulrich Neumann: Geschichte der Schifffahrt, https://www.planet-wissen.de/technik/schifffahrt/geschichte_der_schifffahrt/index.html
Tom Watson: Evolution of the Ancient Skin Boats, https://paddling.com/learn/evolution-of-the-ancient-skin-boats Early Watercraft – A global perspective of invention and development, Vrhnika, Slovenia 19.- 23.04.2015 , EWA 22, S. 26-30
Paddel, Fischspeere und Steinbeile – Neue Erkenntnisse aus der Steinzeitsiedlung im Duvenseer Moor, https://www.archaeologie-online.de/nachrichten/paddel-fischspeere-und-steinbeile-neue-erkenntnisse-aus-der-steinzeitsiedlung-im-duvenseer-moor-6050/