Der Reiner Hornsteinabbau und das Stein.Zeit.Museum im Stift Rein

Diesmal geht es in die grüne Steiermark, in das Hügelland nordöstlich von Graz, zum Zisterzienserstift Rein. Dort gab es vor etwa zehn Jahren in der Welt der österreichischen Prähistoriker eine kleine Sensation: Im Ortsteil Hochfeld, wo schon immer auf den Feldern Hornsteinartefakte aufgelesen werden konnten, legte eine Grabung des Joanneums Graz das zweite in Österreich aufgefundene prähistorische Bergbaufeld (nach Wien-Liesing) frei.
Hornstein war in Mitteleuropa die Alternative zum nordischen Feuerstein. Die beiden Materialien unterscheiden sich in Entstehungszeit und Reinheit, waren jedoch beide der wichtigste Rohstoff für schneidende Werkzeuge.
Das Bergbaufeld ist von beträchtlichem Umfang, nach geomagnetischen Untersuchungen ist von einer Größe von ca. 10 ha auszugehen. Das Gestein liegt dort vor in wenige Zentimeter dicken Platten, die in bis zu fünf Meter tiefen Gruben mit zwei Metern Durchmesser (sogenannten Pingen) in einem Zeitraum von ca. 4500 bis 3600 BC abgebaut wurden.
Die in der Steiermark aufgefundenen Hornsteinartefakte wurden die längste Zeit den bayrischen Hornsteinen der Abbauorte Abensberg-Arnhofen und Baiersdorf zugeordnet, erst chemische Analysen der optisch sehr ähnlichen Materialien konnten den Ursprung in Rein belegen. Auch die Qualität des Hornsteins kann sich mit den bayrischen Plattenhornsteinen messen, das Bruchverhalten des grauweiß-opaken Materials kommt in den besten Qualitäten an nordischen Feuerstein heran.
Geographisch ergibt sich somit eine Zweiteilung in der zur damaligen Zeit lebenswichtigen Rohstoffversorgung an Feuerstein/Hornstein („Stahl der Steinzeit“): Die Mondseekultur und ihre Vorläufer in Oberösterreich und dem westlichen Niederösterreich wurden neben lokalen Vorkommen mittels Schiffstransport über die Donau mit bayrischem Hornstein beliefert, südlich der Ostalpen konnten bis zu 90% % des Silexmaterials der bekannten neolithischen Siedlungsplätze in Kärnten und der Steiermark der Herkunft Rein zugeordnet werden.
In einem Kellergewölbe des Stiftes Rein, als historischer Ort bestens geeignet für ein prähistorisches Museum, wurde 2025 ein kleines, aber feines Museum eingerichtet, dessen Besuch ich wärmstens empfehlen möchte. Wir genossen eine Führung unter der fachkundigen Leitung von Mag. Gerhard Fürnhammer und konnten das 1:1 Modell einer Pinge samt Bergleuten bei der  Arbeit bewundern. In einer Reihe von Vitrinen sind Hornsteinartefakte sowie in einer geographischen Reise Beispiele für an anderen Orten abgebaute Hornsteintypen ausgestellt. Nicht vergessen bei der Führung wurden auch Erläuterungen über die Geologie des Reiner Beckens und die Entstehungsweise des anliegenden Hornsteins.
Auch abgesehen vom Museum ist das Stift Rein für Kunstliebhaber einen Besuch wert. Mit dem Gründungsjahr 1129 ist Rein das älteste noch bestehende Zisterzienserkloster der Welt. Die prächtige Bibliothek enthält eine Reihe berühmter Handschriften aus der im Mittelalter berühmten Reiner Schreibschule, besonders bekannt ist das Reiner Musterbuch. Das Kloster ist als Gründung der Traungauer eng mit Oberösterreich verbunden, mit einigen anderen Klöstern ist auch das Stift Wilhering eine Tochtergründung von Rein.
Der Ausflug und die Führung kann kulinarisch bestens in der dem Stift gegenüberliegenden Stiftstaverne abgeschlossen werden.

 

Literatur zum Thema:

Alexander Binsteiner: Die Feuersteinlagerstätten Südbayerns und ihre vorgeschichtliche Nutzung, DER ANSCHNITT 42, 1990, H. 5-6, S. 162-168

Michael Brandl: Silexlagerstätten in der Steiermark, Mitteilungen der Prähistorischen Kommission 69, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2009

Daniel Modl, Michael Brandl: Aktueller Stand der archäologischen Forschungen
im Becken von Rein unter besonderer Berücksichtigung einer im Jahr 2010 durchgeführten Probegrabung in der Hornsteinlagerstätte Rein–Eisbach, (Steiermark, Österreich), S. 280-308 in Schild von Steier 26/2013/2014, ed. Universalmuseum Joanneum GmbH

Michael Brandl, Maria M. Martinez, Daniel Modl and Estella Weiss-Krejci: Chert from the Rein Basin (Styria, Austria): Prehistoric use and distribution, S. 103-115, in Characterising Contact by Measuring Lithic Exchange in the European Neolithic, ed. Tim Kerig and Stephen Shennan, Archeopress Publishing, Oxford 2015

Walter Leitner, Michael Brandl & Thomas Bachnetzer: Die Ostalpen als Abbaugebiet und Versorgungsregion für Silex und Bergkristall in der Prähistorie in BERGAUF BERGAB 10.000 Jahre Bergbau in den Ostalpen S. 59-70 Herausgeber: Thomas Stöllner, Klaus Oeggl VML Verlag Marie Leidorf, Bochum 2015

Michael Brandl und Daniel Modl : Der Hornsteinbergbau von Rein (Steiermark). Ein Beitrag zur neolithischen Wirtschaftsgeschichte Österreichs, S. 2-15, Archäologie Österreichs 29–30 2018–2019

Michael Brandl Daniel Modl: Blog: Geschichte Österreichs, 6500 Jahre: Der älteste Bergbau der Steiermark, https://www.derstandard.at/story/3000000298410/6500-jahre-der-aelteste-bergbau-der-steiermark

Fellboote

Ein Bericht von Hartmut Rüf

Bis in die Neuzeit war die leichteste Möglichkeit Menschen und Güter zu transportieren den Weg über Flüsse und Seen zu nehmen. Die große Anzahl an Pfahlbauten am Attersee lässt zu ihrer Zeit somit auch einen entsprechenden Umfang an Bootsverkehr erwarten. Umso mehr erstaunt es, dass während der Jahrhunderte Fischerei am See und den bereits Jahrzehnte laufenden archäologischen Untersuchungen bisher kein einziger Einbaum am Attersee aufgefunden wurde. Der Befund führt zur Überlegung, dass möglicherweise der Transport am See auf eine andere Weise stattgefunden haben könnte. Beispiele aus der ganzen Welt zeigen, dass neben Flössen Fellboote dafür in Frage kommen.

Fellboote als vielleicht erste Wasserfahrzeuge nehmen in der archäologischen Literatur nur einen geringen Raum ein, da sie im Gegensatz zu z.B. Einbäumen archäologisch nicht nachweisbar sind. Fellboote sind Bootskonstruktionen, bei denen ein aus Korbgeflecht, Zweigen oder Holz bestehender Rahmen mit Tierhäuten bespannt wird, wobei die Abdichtung mit Tierfett/Teer erfolgt. Die Form ist rund bis meistens oval, später wurden auch Kanu-artige Konstruktionen gebräuchlich. Die Boote haben einen flachen Boden und verfügen über keinen Kiel, dies erfordert eine spezielle Rudertechnik zur Fortbewegung.

Es ist nicht erstaunlich, dass die Faktenlage zu prähistorischen Fellbooten dünn ist, vom dünnen Gestänge eines Fellbootes, geschweige der Tierhaut sind selbst unter günstigen Erhaltungsbedingungen keine Überreste zu erwarten

Ein Bruchstück eines Paddels aus dem Moor Duvensee in Schleswig-Holstein gilt als Hinweis auf frühe Mobilität. Die Datierung dieses Paddels führt mit einem Alter von 8500 v.Chr. weit in die Steinzeit, weiter als der älteste bekannte Einbaumfund in Europa (der Einbaum von Pesse in den Niederlanden, 2 Datierungen 7000/8000 v.Chr.).

Bei den zahlreichen in Skandinavien gefundenen Felszeichnungen von Booten aus der Mittelsteinzeit ist sich die Fachwelt uneinig, welcher Bootstyp dargestellt ist. Es gibt jedenfalls starke Argumente dafür, dass es sich um Fellboote zur Rentierjagd gehandelt hat.

Die vorhandenen Beispiele stellen zwar keinen letzten Beweis für die vorgeschichtliche Nutzung von Fellbooten dar, lassen dies jedoch als sehr wahrscheinlich erscheinen.

Der Vorteil eines Fellbootes gegenüber einem Einbaum liegt vor allem im Gewicht. Bei einem Gewicht von 20 bis 30 kg lässt sich das Boot auch übers Land transportieren, wodurch sich z.B für eiszeitliche Jäger die Möglichkeit für einfache Flussüberquerungen eröffnet.

Bis in das letzte Jahrhundert bzw. heute noch wurden/werden Fellboote bzw. Boote nach demselben Konstruktionsprinzip auf der ganzen Welt verwendet. Ein Beispiel ist der „Umiak“, das mit Seehundfellen bespannte 5 – 10 m lange traditionelle Transportboot der Inuit mit einem Rahmen aus ursprünglich Walknochen. Die Boote konnten bis zu 20 Menschen Platz bieten und auf den Kopf gestellt als provisorisches Schlafzelt genutzt werden.

In Irland werden bis zum heutigen Tag als „Currach“ bekannte Boote gebaut, der ursprünglich aus Weidenzweigen bestehende Korb wurde durch einen Holzrahmen ersetzt, die Tierhäute durch mit Teer imprägniertes Segeltuch. Die Currachs sind seetüchtig, der englische Historiker und Abenteurer Timothy Severin erreichte in einer der mythischen Reise des Hl. Brendan in das verheißene Land im Westen nachempfundenen Fahrt mit einem Currach unter Segeln Amerika und zeigte damit die prinzipielle Erreichbarkeit des Kontinents mit den Mitteln der Kelten.

Nun zu einem Bootstyp, den man unter Fellboote einordnen könnte:

Vor etwa 10 Jahren ging eine Schlagzeile durch die Medien: Die Arche Noah war rund! Hintergrund war der Fund einer 4000 Jahre alten Keilschrifttafel enthaltend Anweisungen eines mesopotamischen Gottes ein Schiff zu bauen, wo alle Tiere paarweise vor einer Überschwemmungskatastrophe Schutz finden sollten. Das beschriebene Schiff darf man sich nicht wie ein Holzboot in der abendländischen Tradition vorstellen, sondern nach dem Text der Keilschrifttafel als eine korbförmige Konstruktion, die mit Seilen umwickelt und dann mit Bitumen getränkt wurde.

Die Erzählung des Alten Testaments von Noah und der Sintflut findet somit ihre Vorbilder im mesopotamischen Gilgamesch-Epos und in weiteren noch älteren Schriften.

 

Verwendete Literatur:

 Ernst und Werner Feist: Rekonstruktion steinzeitlicher Boote in Skandinavien Jahresmitteilungen der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg e.V. 1993, S. 21-32

Peter Fletcher:  Discussions On The Possible Origin Of Europe’s First Boats – 11,500 BP AAPP | Atti della Accademia Peloritana dei Pericolanti, Vol. 93, No. 2, A1 (2015)

Wulf Hein: Fellboot, Floß und Einbaum, Wasserfahrzeuge der Urgeschichte im Experiment, Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien (MAGW),  Band 142, 2012, S. 121-136

James McClean:  Skin versus Wood? Probably both! Norwegian Early Mesolithic Boat Technology, Bericht zur 13. Jahrestagung des Arbeitskreises Unterwasserarchäologie vom 6.10.–8.10.2005 in Annecy, NAU 14, 2008 S.9-14

Stephen Moss: Noah’s ark was round – so the ancient tablet tells us, https://www.theguardian.com/books/2014/feb/11/noahs-ark-round-ancient-british-museum-mesopotamian-clay-tablets-flood 

Ulrich Neumann: Geschichte der Schifffahrt, https://www.planet-wissen.de/technik/schifffahrt/geschichte_der_schifffahrt/index.html

Tom Watson: Evolution of the Ancient Skin Boats, https://paddling.com/learn/evolution-of-the-ancient-skin-boats  Early Watercraft – A global perspective of invention and development, Vrhnika, Slovenia 19.- 23.04.2015 , EWA 22, S. 26-30

Paddel, Fischspeere und Steinbeile – Neue Erkenntnisse aus der Steinzeitsiedlung im Duvenseer Moor, https://www.archaeologie-online.de/nachrichten/paddel-fischspeere-und-steinbeile-neue-erkenntnisse-aus-der-steinzeitsiedlung-im-duvenseer-moor-6050/